Nach der US-Wahl und angesichts von Fortschritten an der Impfstoff-Front lohnt sich ein Blick auf Local-Currency-Anlagemöglichkeiten in ausgewählten Emerging Markets (EM).

Daniel Winkler
Multi Asset Strategist
12.11.2020

Trotz des Ausbleibens einer „Blauen Welle“ wird der internationale Politikstil der nächsten US-Administration differenzierter und konstruktiver ausfallen. Wenngleich die größte Volkswirtschaft den Abstand zur zweitgrößten Wirtschaft der Welt möglichst groß halten möchte – unabhängig von der politischen Couleur in Washington –, bekommt die globale Konjunktur (in Zeiten einer noch nicht ausgestandenen Pandemie) ein Stück Berechenbarkeit in Form einer verlässlicheren US-Politik auf den entsprechenden Feldern zurück. Damit einhergehen wird ein sukzessiv steigendes Investitions- und Konsumenten-Sentiment. Zur Erinnerung: Die direkten Effekte tarifärer und nicht-tarifärer Handelsbarrieren durch die Trump-Regierung haben die negativen Effekte über die vorgenannten Kanäle deutlich unterschritten.

 

Darüber hinaus deuten die jüngsten Meldungen von der Corona-Impfstoff-Front auf große Fortschritte hin. Die globale Konjunkturerholung, die letztlich eine Funktion dieser medizinischen Entwicklung ist – Geld- und Fiskalpolitik können nur Brücken bauen –, bekommt hierdurch den entscheidenden Rückenwind. Davon profitieren auch die Entwicklungs- und Schwellenländer. Über höhere Ausfuhren im Fahrwasser der Konjunkturerholung lassen sich positive FX-Effekte insbesondere gegenüber dem US-Dollar ableiten. Die US-Valuta hat es traditionell schwer, in einem solchen Umfeld Tritt zu fassen. Auch die ultra-expansive Geldpolitik der Fed trägt ihr Übriges zu einem relativ schwachen Greenback bei. Im Verhältnis zur europäischen Einheitswährung könnten ausgewählte EM-Valuten kurz- bis mittelmittelfristig ebenso die Oberhand gewinnen. Während viele Emerging Markets einen realen Zins- bzw. Renditevorteil vorweisen können, dürften die EWU-Währungshüter im Dezember erneut über eine weitere Zinssenkung im bereits negativen Terrain nachdenken!

US-WAHL als market-Mover und „soft“ EM-Trigger

Wenngleich es noch eine Möglichkeit für die US-Demokraten gibt, im Senat einen 50:50 Split zu erzielen (die relevante Wahl findet am 5. Januar 2021 in Georgia statt) und mit der Stimme der zukünftigen Vize-Präsidentin Kamala Harris die Biden-Agenda durchzubringen, fällt die „Blaue Welle“ weitestgehend aus. Interessanterweise führte das nun vorliegende Wahlergebnis, welches von den Märkten ex-ante als das Schlimmste (kaum bis wenig Fiskalspielraum und hohes Wahl-Anfechtungsrisiko) eingestuft worden war, zu einem teils ordentlichen Kursfeuerwerk bei Risky-Assets im Nachgang der Wahl, das durch die Corona-Impfstoff-Neuigkeiten temporär nochmals verstärkt wurde. Im EM-Universum legten die impliziten FX-Volatilitäten auf breiter Front den Rückwärtsgang ein. So hat sich beispielsweise die implizite 1-Monats-Volatilität von Onshore USD/CNY seit dem bisherigen Höchststand unmittelbar vor der US-Wahl bis heute um rund ein Drittel reduziert. Neben einer initialen Marktreaktion, die dem bloßen Umstand des Wegfalls des eigentlichen (Wahl)Events geschuldet war, deuten die anhaltenden Bewegungen bei EM-Assets auch auf die eingangs skizzierten positiven Effekte durch die kommende Biden-Administration hin.

Mit dem wahrscheinlichen „Gridlock“ im politischen Washington, also einer weitgehenden republikanischen „Barriere“ im Senat, ist insbesondere der Spielraum für ein großes Fiskalpaket deutlich eingeschränkt. Nachdem die Rendite zehnjähriger US-Treasuries in der Wahlnacht in der Spitze auf 0,94% und im Nachgang der jüngsten Impfstoffmeldung auf 0,97% geklettert war, stabilisiert sich das Renditebarometer derzeit wieder leicht tiefer. Vor dem Hintergrund unseres Ausblicks für US-Renditen, der sich nun wieder nahtlos in unser Bild graduell sinkender Renditen einfügt, ist unsere Einschätzung für ausgewählte EM-Rates konstruktiv. Entsprechende FX-Einschätzungen flankieren das Bild für Local-Currency-Engagements.

Auch pull-Faktoren sprechen für EM-Assets

Vor dem Hintergrund einer grundsätzlich intakten globalen Konjunkturerholung, flankiert durch eine Biden-Administration, die Spillover-Effekte des heimischen Wirtschaftswachstums auf die Weltwirtschaft im Vergleich zur Vorgängerregierung zumindest mehr tolerieren dürfte, sowie der Impfstoff-Hoffnungen, sollten EM-Assets profitieren. Da die Anlagemöglichkeiten in einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld (auch ex-post Corona) in den entwickelten Volkswirtschaften begrenzt bleiben dürften, sind Alternativen gefragt. Auf der Suche nach Rendite erwarten wir über die kommenden Quartale zunehmende Kapitalströme in die Emerging-Markets. Neben diesen Pushfaktoren, die Anlagegelder aufgrund von Gründen, die außerhalb der eigentlichen Anlageregion angesiedelt sind, in entsprechende Regionen „treiben“, sprechen länderspezifische Faktoren ebenfalls für Engagements. Diese sogenannten Pullfaktoren, also Treiber, die das Kapital in das jeweilige Land „ziehen“, sind in den folgenden Abschnitten enthalten.

China          

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat die Corona-Infektionen im Inland relativ schnell hinter sich gelassen und in der Folge eine rasante Konjunkturerholung absolviert. Im Jahr 2020 dürfte China das einzige Land im G10-Universum mit einem positiven Wirtschaftswachstum (rund 2 %) sein. In den kommenden Monaten sollte die Dynamik aus unserer Sicht anhalten, darauf deuten beispielsweise die aktuellen Caixin-PMIs hin, die im Dienstleistungsbereich über und im Verarbeitenden Gewerbe auf Vorkrisenniveau rangieren. Auch der Pkw-Absatz, der im Oktober um 8 % zum Vorjahr auf 2,02 Mio. Stück geklettert ist, unterstreicht mit dem vierten monatlichen Zuwachs in Folge die Konjunkturdynamik in China. Um die inländische Nachfrage weiter zu unterstützen, bietet sich der Geldpolitik der Peoples Bank of China (PBoC) angesichts der aktuellen Verbraucherpreise, die im Oktober mit 0,5 % im Jahresvergleich verhaltener als erwartet ausfielen, noch weiteres Potential. Mit Blick auf die hohe Gesamtverschuldung Chinas wird die PBoC hier jedoch sehr behutsam vorgehen, mit leicht positiven Effekten für CNY-Staatsanleihen. Für die chinesische Währung erwarten wir gegenüber USD und EUR in den kommenden Monaten weiteres, moderates Aufwertungspotential.

Indonesien

Wenngleich die indonesische die nach China am zweitschnellsten wachsende Wirtschaft im G20-Universum ist, dürfte sich das BIP-Wachstum 2020 nur knapp oberhalb von null Prozent realisieren. Gleichwohl erwartet der Internationale Währungsfonds seit Oktober für das Jahr 2021 ein signifikantes Wachstum von 8,2 %. Den Aufholprozess unterstützen könnte die Bank Indonesia. Die Währungshüter halten ihren Leitzins aktuell bei 4,00 %, bei einer Inflationsrate von 1,40 %. Unter Berücksichtigung der Rendite zehnjähriger indonesischer Staatsanleihen von 6,3 % ergibt sich ein deutliches reales Zins- respektive Renditepolster, das unsere konstruktive FX-Bewertung unterstützt.

Südkorea

Die zwölftgrößte Volkswirtschaft der Welt lässt die Corona-Rezession dank eines erfolgreichen Pandemie-Managements ähnlich schnell hinter sich wie China. Von dessen rasanter Erholung wie auch der anhaltenden Nachfrage nach Technikprodukten in Zeiten von Home-Office profitiert Südkorea deutlich. Bereits im dritten Quartal wuchs das Land mit 15,6 % so stark wie seit 34 Jahren nicht mehr.  Obwohl die Währungshüter ihren Leitzins von 0,50 % nur unweit der Zinsuntergrenze halten, besteht bei einer Inflationsrate von 0,1 % noch Senkungsspielraum. Unter Berücksichtigung der Rendite zehnjähriger südkoreanischer Staatsanleihen von 1,60 % ergibt sich auch hier ein reales Zins- respektive Renditepolster, das unsere moderat positive FX-Einschätzung unterstützt.

Investoren, die an der Performance des liquiden Landeswährungs-Schuldenmarktes der Emerging Markets partizipieren wollen, können sich am Bloomberg Barclay EM Local Currency Liquid Government Index orientieren.

EM Assets an wichtigen Widerständen

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