Burkhard Allgeier
Geschäftsführer
11.05.2020

Ende April fielen die kurzfristigen Ölpreise der US-amerikanischen Sorte Western Texas Intermediate (WTI) auf unter null US-Dollar. Käufern von Öl wurde in der Spitze bis zu 40 USD geboten, ein Barrel des Rohstoffs physisch entgegen zu nehmen. Auch für die Terminkontrakte für den kommenden Verfallstag im Mai sind die Preise volatil. Erneute Preisstürze sind nicht auszuschließen, wenn die Ölnachfrage schwach bleibt.

 

Ein Spiegelbild der Konjunktur

Die extremen Schwankungen der Ölpreise sind ein Spiegelbild der Konjunktur. Die Verwerfungen des Ölpreises betrafen dabei im Speziellen die Sorte WTI, da sich bei dieser die Lagerkapazitäten besonders stark auf einen Lagerort in der Stadt Cushing in Oklahoma konzentrierten. Aber auch die Preise anderer Sorten wie das in der Nordsee geförderte Brent sahen sich mit erheblichen Rückgängen konfrontiert. Längerfristige Termingeschäfte mit einem Kontraktende Ende diesen Jahres oder später waren von den Schwankungen allerdings weitestgehend ausgenommen und notierten deutlich höher. Investoren setzen also nach wie vor auf höhere Ölpreise in der Zukunft; eine Situation, die am Rohstoffmarkt als Contango bezeichnet wird.

Die Gründe für den Ölpreisverfall

Neben der bereits erwähnten begrenzten Lagerkapazitäten in Cushing gibt es allerdings noch weitere, weniger technische Gründe für die starken Preisbewegungen.

Der Ölpreis bildet sich wie am Kapitalmarkt üblich über das Angebot und die Nachfrage. Die Nachfrage ist seit den weltweit verhängten Ausgangsverboten und Kontaktsperren allerdings regelrecht eingebrochen. Produktionen stehen still, der Flugverkehr ist stark reduziert und auch der Nahverkehr ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Das Angebot stieg dagegen zunächst sogar. Nachdem sich Saudi-Arabien mit Russland Anfang März nicht auf eine gemeinschaftliche Fördermengenreduktion einigen konnte, förderten beide Länder mehr als zuvor – um den jeweils anderen unter Druck zu setzen und Marktanteile zu gewinnen. Schließlich kam es allerdings unter Druck der US-Regierung doch zu einer Einigung der OPEC+ Staaten, sodass ab Mai rund 10 Mio. Barrel weniger pro Tag gefördert werden. Aber auch das sorgte nicht für eine nachhaltige Trendumkehr. Die Ölpreise verharren deutlich unter den Niveaus, die noch zu  Jahresanfang zu beobachten waren. Weitere und vor allem längerfristige Produktionskürzungen scheinen notwendig. Angesichts der hohen Kosten der Ölförderung der Fracking-Unternehmen in den USA dürfte das Angebot in den nächsten Wochen allerdings auch ohne weitere OPEC+ Zugeständnisse fallen. Viele Ölförderer haben bereits jetzt ihre Kapitalinvestitionen ausgesetzt oder verringert. Preise unter 40 US-Dollar bedeuten für den Großteil der Schieferölförderer laufende Verluste. Umso länger und tiefer also der Preisverfall, desto schneller dürften die Produktion weiter gekürzt werden und die Preise sich dadurch stabilisieren.

WTI-TERMINKONTRAKTE IM VERGLEICH (USD)

WTI-PREIS IM ZEITABLAUF

Profiteure des tiefen Ölpreises


Wer sind die Profiteure sinkender Ölpreise? Bei fallenden Ölpreisen denkt man zunächst an die Konsumenten. Wirken doch fallende Ölpreise in normalen Zeiten wie ein Konjunkturpaket. Niedrige Energiepreise bedeuten tiefere Benzin- und Dieselpreise. Heizen und Autofahren wird also günstiger. In einer Zeit, in der ein Großteil der Bevölkerung zuhause bleibt und aufgrund der Wettergegebenheiten nicht heizen muss, ist der Vorteil für Verbraucher allerdings überschaubar. Für die Inflation bedeuten die fallenden Energiepreise allerdings auf Sicht der nächsten Monate aufgrund des Basiseffekts erstmal deutlich niedrigere Gesamtraten. Rund 10 % tragen die Energiepreise zum harmonisierten
Verbraucherpreisindex in der Eurozone bei und haben damit einen entscheidenden Einfluss auf die Gesamtrate. Bereits im April fiel die Inflation auf eine Teuerungsrate von +0,4 % zum Vorjahr. Eine negative Rate ist allein aufgrund des Basiseffekts der Energiepreise für die kommenden Monate nicht unwahrscheinlich. Für Unternehmen stellt sich die Situation ebenfalls differenziert da. Während ein Großteil der Unternehmen zurzeit ebenfalls kaum durch die geringeren Energiepreise profitieren kann, sind gerade besonders Unternehmen, die sich um die Lagerung des Öls bemühen, Profiteure. Für Ölförderer könnten die nun seit Wochen andauernden niedrigen Preise allerdings wie bereits angedeutet zu Insolvenzen führen. Insbesondere in den USA ist die implizite Ausfallrate für solche Unternehmen, abgebildet durch höhere Risikoprämien, deutlich gestiegen.

HVPI & ÖLPPREIS

Blick nach vorn: politischer Preis


In der kurzen Frist werden die Preise in Abhängigkeit zur konjunkturellen Entwicklung weiter stark schwanken. Sollte es keine Anzeichen einer ansteigenden Öl-Nachfrage geben, könnte es auch für den bald endenden Juni-Kontrakt extreme Preisschwankungen geben. Sinkende Corona-Neuinfektionszahlen haben bereits zu Lockerungen des globalen Lockdowns geführt. Vorausgesetzt eine zweite Neuinfektionswelle bleibt aus, könnte sich bereits im zweiten Halbjahr die ökonomische Aktivität in Richtung ihres Potentialwachstumspfads bewegen. Wieder ansteigende Neuinfektionen oder dauerhaft von der Politik verordnete Restriktionen hätten dagegen einen dämpfenden Effekt auf Konjunktur und
Ölpreise, der über die kommenden Wochen hinaus gehen würde. Die Europäische Zentralbank hat in ihrer Szenarioanalyse von Anfang Mai bereits darauf aufmerksam gemacht, dass eine Verlängerung der Restriktionen bis Ende Juni nachhaltige Implikationen auf nahezu alle Sektoren haben könnten. 

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